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Aufsätze: Umwelt

Drohen Kriege um das Wasser?
Walter Kreul

Deutsche Entwicklungshilfegelder sollen in der Dritten Welt die Probleme lösen, die diese durch Übervölkerung selbst erzeugt ◊ Die Versorgung mit dem kostbaren Naß wird zu einem Schlüsselproblem des 21. Jahrhunderts, denn Wasser wird weltweit immer mehr zum raren Gut - 1,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser - In den nächsten 30 Jahren müssen 80 Prozent der zusätzlich benötigten Nahrungsmittel mit Hilfe künstlicher Bewässerung erzeugt werden - "Irgendwann wird Wasser so teuer wie Gold", heißt es in Singapur anläßlich des Baus einer Meerwasser-Entsalzungsanlage


Wasser wird weltweit immer mehr zum raren Gut. Bereits heute leiden rund 30 Länder, insbesondere im Nahen Osten und in Afrika, unter akutem Wassermangel. Ohne energische wasserwirtschaftliche Maßnahmen und ohne drastische Sparprogramme kann sich diese Zahl bis zum Jahre 2025 auf 80 Länder mit insgesamt rund drei Milliarden Menschen erhöhen. Von der Wasserknappheit ist in erster Linie die landwirtschaftliche Produktion betroffen. "Food Security = Water Security" lautet die Kurzformel bei der in Rom ansässigen Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO).

Die Wassermassen der Erde haben mit rund 1,4 Milliarden Kubikkilometern ein festes Ausmaß, das sich nicht beliebig vermehren läßt. Auch die Größenverhältnisse zwischen den einzelnen Wasserformen können kaum verändert werden: 97,5 Prozent der globalen Wassermenge sind Salzwasser, nur bei den restlichen 2,5 Prozent handelt es sich um Frischwasser. Dieses teilt sich im wesentlichen auf: in Wasser, das in Polar- und Gletschereis gebunden ist (etwa 1,7 Prozent), in Grundwasser (rund 0,6 Prozent) und Oberflächenwasser in Flüssen, Seen und in der Atmosphäre (0,2 Prozent).

Hydrologen kalkulieren, daß der Weltbevölkerung jährlich rund 8.000 Kubikkilometer Frischwasser zur Verfügung stehen. Diese Wassermenge ergibt sich aus folgender überschlägiger Rechnung: Die jährlichen Regenfälle über den weltweiten Landmassen werden auf 110.000 Kubikkilometer geschätzt. Davon verdunsten 70.000; weitere 26.000 Kubikkilometer fließen unkontrolliert ab, wobei ein Großteil dieses Wassers zur Aufrechterhaltung von natürlichen Lebensräumen wie Flüssen, Seen, Sümpfen und Flußdeltas sowie zur Auffüllung der Grundwasservorräte benötigt wird. Außerdem müssen rund 6.000 Kubikkilometer Wasser zur Verdünnung und zum Abtransport von rund 450 Kubikkilometer Abwasser verwendet werden, die man jährlich in die Gewässer einleitet.

Bei global 8.000 Kubikkilometer Frischwasser entfallen pro Kopf und Jahr der jetzt sechs Milliarden Menschen im Mittel immerhin gut 1.300 Kubikmeter Frischwasser. Der tatsächliche Wasserkonsum liegt aber nur bei durchschnittlich 800 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Bei diesem auf den ersten Blick scheinbar beruhigenden Zahlenverhältnis ist freilich zu bedenken, daß es nichts aussagt über die Wasserversorgungsbedingungen in den einzelnen Regionen. So schwankt die jährliche Frischwasserverfügbarkeit pro Einwohner laut FAO derzeit von 1.000 Kubikmeter in Nordafrika bis 28.300 Kubikmeter in Lateinamerika. Für Europa liegt der entsprechende jährliche Wert bei rund 4.100 Kubikmeter.

Wasser wird somit auch deshalb zur Mangelware, weil es auf der Erde höchst ungleich auftritt. Selbst in Gebieten, in denen genug Regen fällt, ist dieser über das Jahr für die Vegetation oft unvorteilhaft verteilt, es wechseln sich Monate starken Regens und Perioden extremer Trockenheit ab.

Fatalerweise läßt gerade dort, wo nicht genügend Wasser vorhanden ist, seine Qualität meist zu wünschen übrig. So haben in den Entwicklungsländern 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, schätzungsweise eine halbe Milliarde leiden an Krankheiten, die durch verschmutztes und verseuchtes Wasser bedingt sind. Viele weitere Millionen sind potentiell gefährdet, wenn es nicht gelingt, die Trinkwasserqualität zu verbessern. Hier ist vor allem die fachgerechte Aufbereitung von Abwässern sowie der Ersatz von schadhaften, veralteten Wasserleitungssystemen erforderlich.

Schließlich muß berücksichtigt werden, daß mit jedem weiteren Jahr 80 bis 100 Millionen Menschen zusätzlich mit Wasser und Nahrung versorgt werden müssen, und das vor allem in Gebieten, wo wegen des Bevölkerungswachstums beides schon seit geraumer Zeit knapp ist. Darüber hinaus ist ein stetig anschwellender Verbrauch pro Kopf und Jahr zu beobachten. So hat sich dieser, nicht zuletzt wegen des gestiegenen Wasserbedarfs der Landwirtschaft, seit 1940 von weltweit durchschnittlich 400 Kubikmetern auf die genannten 800 pro Kopf und Jahr der Bevölkerung erhöht.

Die mit großem Abstand wichtigste Rolle beim Wasserverbrauch spielt die Landwirtschaft. Man veranschlagt, daß rund 70 Prozent der Wassermengen, die sich Menschen auf der Erde verfügbar machen, für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen Verwendung finden. In der gemäßigten Klimazone liegt dieser Wasseranteil unter 40 Prozent, in den Tropen und Subtropen kann er dagegen 90 Prozent und darüber erreichen. Weitere ins Gewicht fallende Verbraucher von Wasser sind die Industrie mit etwas über 20 Prozent und die privaten Haushalte mit rund sechs Prozent.

Nach neueren Studien der Weltbank könnte es in den verschiedenen Weltregionen relativ bald zu einschneidenden Wasserkrisen kommen. Neben dem erwähnten Nahen Osten und Afrika sind hier unter anderem so bevölkerungsreiche Länder wie Indien und Pakistan, ja selbst europäische Staaten wie Spanien und Griechenland zu nennen. Diese Wassernotstände scheinen im übrigen viel gewisser einzutreten als die vieldiskutierte Klimakrise, wobei selbstverständlich beides auf weite Strecken miteinander verknüpft ist.

Der Bewässerungs-Landwirtschaft ist es in erster Linie zu verdanken, daß in vielen Teilen der Welt der Hunger beseitigt werden konnte. Denn die Erfolge der vor allem in asiatischen Ländern zum Tragen gekommenen "Grünen Revolution", die bis Mitte der 1980er Jahre die Getreideerträge - also die von Reis, Weizen und Mais - jährlich im Durchschnitt um drei Prozent ansteigen ließ, wären ohne massive Bewässerungsmaßnahmen nicht erreichbar gewesen. Überdies finden zwei Milliarden Menschen dadurch Arbeit, Einkommen und Nahrung.

Seit 1950 haben sich die bewässerten Flächen auf der Erde fast verdreifacht; sie liefern jetzt auf rund 17 Prozent der kultivierten Fläche beinahe 40 Prozent aller Ernten. Weitere große Bewässerungsprojekte, wie beispielsweise im Südosten der Türkei oder in den Nordprovinzen Chinas, sind im Ausbau begriffen. Die Abhängigkeit der Welternten von künstlicher Bewässerung wird somit fortwährend größer. Nach Berechnungen der FAO müssen in den nächsten 30 Jahren rund 80 Prozent der zusätzlich benötigten Nahrungsmittel auf diesem Weg erzeugt werden.

Besonders alarmierend ist, daß man für die landwirtschaftliche Bewässerung zunehmend Grundwasservorräte anzapft, die sich, wenn überhaupt, nur sehr langfristig regenerieren. Dies ist ein Problem, das selbst in so verhältnismäßig wasserreichen Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz Anlaß zur Besorgnis gibt. In vielen Teilen der Welt - so der Präsident des Worldwatch Institute für Bevölkerungs- und Ernährungsfragen in Washington DC, Lester Brown, bei der Vorstellung seines neuesten Berichts mit dem Titel "Beyond Malthus" im Februar 2000 - sinkt der Grundwasserspiegel. In Indien werde beispielsweise zum Teil doppelt so viel Grundwasser entnommen, wie nachfließt. Kritisch sei die Lage auch in China, im Mittleren Osten sowie im Südwesten der USA. "Wir verbrauchen das Wasser, das unseren Kindern gehört", kommentiert Lester Brown diese prekäre Entwicklung.

Und es gibt Folgeprobleme. Die Salzanreicherung in den Böden als Folge künstlicher Bewässerung hat bereits weite Gebiete erfaßt und diese, wie an Beispielen in Indien, im Irak, in Ägypten und in den USA gezeigt werden kann, unfruchtbar gemacht. Eine besonders wassersparende, wenngleich teure und bei weitem nicht für alle Pflanzen geeignete Bewässerungsmethode stellt die in Israel entwickelte "Tröpfchenbewässerung" dar. Perforierte Schläuche geben das Wasser in unmittelbarer Nähe der Pflanzenwurzeln ab, so daß nur etwa fünf Prozent durch Verdunstung verloren gehen. Der kontinuierliche Wasserfluß bei dieser Form der Bewässerung hält außerdem die Versalzung der Böden in Grenzen.

Angesichts knapper werdender Frischwasserreserven wächst der Druck, bei der Pflanzenbewässerung sparsamer und umweltschonender vorzugehen. Dies gilt besonders für den Anbau von Reis, der "Schlüsselfrucht" zum Überleben der sich in den kommenden 50 Jahren wahrscheinlich verdoppelnden Zahl der Menschen auf der Erde. Denn um eine Tonne Reis im Naßanbau zu produzieren, benötigt man im Durchschnitt 2.000 Tonnen Wasser. Es ist daher dringend geboten, in der landwirtschaftlichen Forschung nach wassersparenden Reisanbauverfahren zu suchen. Daran arbeiten unter anderem Agrarwissenschaftler auf den Philippinen. Ihnen gelang es, Reisanbauverfahren zu entwickeln, bei denen um bis zu 25 Prozent weniger Wasser als bei den bisher üblichen Methoden benötigt wird. Dennoch läßt sich absehen, daß der Wasserbedarf in Asien in den nächsten 25 Jahren stark ansteigt. Landwirtschaft und Industrie werden sich um die knappen Wasserreserven prügeln. Die Folge könnten Konflikte sein.

"Die Kriege des nächsten Jahrhunderts", so prophezeite 1999 Ismail Serageldin, Vizepräsident der Weltbank, "werden nicht um Öl, sondern um Wasser geführt". Selbst wer diese pessimistische Einschätzung nicht teilt, muß sich der Sprengkraft bewußt sein, die in der gefährlichen Kombination von Wassermangel, Verknappung an landwirtschaftlich nutzbarem Boden und dem Ansteigen der Weltbevölkerung liegt.

Daß Wasser zu einem Zankapfel zwischen Menschen und Nationen werden könnte beziehungsweise in einigen Teilen der Welt schon ist, beschreibt in seinem 1993 erschienenen Buch Water: The International Crisis faktenreich und eindrucksvoll Robin Clarke. Unter anderem führt er aus, daß nahezu 40 Prozent der Weltbevölkerung an Flußsystemen leben, deren Wasser von mehr als einem Land genutzt wird. Diese weit über zwei Milliarden Menschen verschiedenster Nationalitäten müssen bezüglich ihres Wasserverbrauchs miteinander kooperieren. In Europa ist beispielsweise die Nutzung der vier Flußsysteme, an denen jeweils vier oder mehr Länder beteiligt sind, durch nicht weniger als 175 gegenseitige Verträge festgelegt. In den unterentwickelten Teilen der Welt fehlen solche Übereinkommen zumeist.

Für die deutsche Entwicklungshilfe an die Dritte Welt ist Wasser eines der zentralen Themen, denn Wasserversorgung und nachhaltige Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Deutschland förderte deshalb in den zurückliegenden Jahren rund 880 Projekte im Bewässerungs-, Trinkwasser- und Abwasserbereich mit jährlich 400 bis 500 Millionen Mark. Um die Spannungen an grenzüberschreitenden Gewässern zu entschärfen, wird die Arbeit von Flußgebietskommissionen von Anrainerstaaten und ihr Erfahrungsaustausch untereinander gefördert.

Guter Rat ist oft teuer. Vor schwer lösbaren Problemen bezüglich Wasserversorgung und Abwasserentsorgung stehen wir in uferlos wachsenden Megastädten - nicht nur in armen Ländern, sondern selbst in einer reichen Großstadt wie Singapur. Dieser Stadtstaat an der Südspitze Malaysias kaufte bisher den größten Teil seines Wassers beim Nachbarn. Malaysia aber durchläuft derzeit selbst eine Phase massiver Industrialisierung und wird bald Singapur - mit seinen über drei Millionen Menschen - nicht mehr mit Wasser mitversorgen können. Deshalb soll in Singapur eine Meerwasser-Entsalzungsanlage in Betrieb genommen werden. Doch dieses Verfahren zur Gewinnung von Frischwasser ist äußerst energie- und kostenaufwendig; es kommt für andere Megastädte kaum in Betracht. Ein israelischer Experte, der in Singapur am Aufbau dieser Anlage mitwirkt, prophezeit: "Irgendwann wird Wasser so teuer wie Gold".


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