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Aufsätze: Europa

Die christlichen Wurzeln Europas
Dr. Vincenz Liechtenstein

Frühes Europa-Drehbuch – Die Brücken des Pontifex – War die Donaumonarchie ein Modell für Europa? – Die EU ist ein neuer Bau auf alten Fundamenten – Die Modernität Österreich-Ungarns – Der italienische Ministerpräsident und EU-Mitgründer Alcide De Gasperi begann seine politische Laufbahn als Abgeordneter von Trient im Wiener Reichsrat – Der Antrieb zur Überwindung des Kommunismus kam von der geistigen Stärke der Menschen, deren Freiheitswille vor eineinhalb Jahrzehnten alle Mauern durchbrach – 2004: das Jahr der Wiedervereinigung Mitteleuropas


Ein Schriftsteller fragte mich: „Papst Johannes Paul II. sprach Ihren Großvater Karl – den letzten Kaiser von Österreich und König von Ungarn – am 3. Oktober 2004 selig. Welche Gedanken löste dies bei Ihnen aus? Was bedeutete es für Sie und Ihre Familie?“ Meine Antwort lautete: „Freude, aber auch moralische Verpflichtung. Und ein Stück Anerkennung für Leistungen der Vergangenheit. Johannes Paul II. ist für mich ein Wahrzeichen Europas. Sein Vater diente in der österreichischen Armee. Mit der Seligsprechung des letzten Kaisers baut er Brücken, die Rom und Wien mit Ostmitteleuropa verbinden.“

Über solche Brücken bewegt sich heute die Europäische Union. Seit ihrer Erweiterung im Mai 2004 bildet sie das gemeinsame Dach jener Völker, die einst in Österreich-Ungarn lebten. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie versank unser Kontinent über Jahrzehnte in einem Sumpf von Haß und Diktatur. Das größer gewordene vereinte Europa erkennt heute, daß das Vielvölkerreich, an dessen Spitze zuletzt Karl I. stand, eine moderne Idee verkörperte. Österreich-Ungarn hat vieles von dem vorweggenommen, was wir heute als europäische Verständigung erleben. Es schwingt bei Franz Grillparzer mit: Österreich ist die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.

Das neue Haus Europa ruht auf alten Fundamenten. Mit zweihunderttausend Tschechen war die Hauptstadt Österreichs zugleich die zweitgrößte tschechische Stadt. Und die Heimat herausragender jüdischer Intellektueller, die der gesamten deutschen Kultur große Impulse gaben. Wien spiegelte das europäische Mosaik wider. In gewisser Weise war Österreich-Ungarn seiner Zeit voraus: eine Art „Mitteleuropäische Union“, in der keine Volksgruppe benachteiligt wurde. Als dieses Modell einer Föderation zusammenbrach, folgten Jahrzehnte chauvinistischer Engstirnigkeit und Unterdrückung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg besann man sich wieder auf die gemeinsamen Interessen und die notwendige Zusammenarbeit.

Einer der Architekten der europäische Kooperation war Alcide De Gasperi. Unter Kaiser Karl I. saß er als Abgeordneter von Trient im österreichischen Reichsrat. Was er in Wien lernte, konnte er später als italienischer Regierungschef gut gebrauchen. Er wurde zum Motor der Entwicklung, die schließlich in die Gründung der Europäischen Union mündete. Seine damaligen Partner in Deutschland und Frankreich, Konrad Adenauer und Robert Schuman, waren sich mit ihm einig, daß Europa auf seinen historischen christlichen Wertegrundlagen errichtet werden sollte.

Johannes Paul II. setzte weitere wichtige Schritte. Er zerriß den Eisernen Vorhang. Ohne ihn hätten es die Polen nicht gewagt, der sowjetrussischen Übermacht zu trotzen. Sein Vorbild gab Mut. Der Antrieb zum Sturz der kommunistischen Zwangsherrschaft kam von der geistigen Stärke der Menschen, deren Freiheitswille vor eineinhalb Jahrzehnten alle Mauern durchbrach. Das Oberhaupt der katholischen Kirche war das moralische Schwergewicht, das ihnen Kraft gab.

Mit der Wiedervereinigung des Kontinents am 1. Mai 2004 erlebte der alte und kranke Papst die Erfüllung seiner Europa-Vision. Er weiß um die Zeit, als sein Vater einem Reich diente, in dem viele Völker zusammenlebten. Der friedenstiftende europäische Einigungsprozeß, dessen frühes Drehbuch in Österreich-Ungarn entstand, ist lebendige Wirklichkeit geworden.

Die Wiedervereinigung Mitteleuropas

Sie flogen am 1. Mai 2004 gemeinsam von der Ostgrenze Österreichs zur EU-Erweiterungs-Feier nach Dublin: Österreichs Bundeskanzler Schüssel und der damalige ungarische Ministerpräsident Medgyessy. Zuvor öffneten sie symbolisch das hölzerne Tor, das vor fünfzehn Jahren erstmals eine Massenflucht von Deutschen aus der DDR durch den Eisernen Vorhang ermöglicht hatte. 1989 brachten sich dort zwischen Ödenburg (Sopron) und Mörbisch, einige Wochen vor dem Fall der Berliner Mauer, die Menschen nach Österreich in Sicherheit. Als Augenzeuge und Mitwirkender erinnere ich mich gerne an diese historische Stunde.

Deutsche, ungarische und österreichische Paneuropäer feierten gemeinsam an der Grenze – am südwestlichen Ende des Neusiedler Sees. Damals regierten noch Kommunisten in Budapest, doch der Ostblock war schon morsch. Reformkräfte in der ungarischen Führung gestatteten uns Paneuropäern, für einige Stunden das Grenztor zu öffnen. Sofort nutzten hunderte Urlauber aus der DDR die Gelegenheit zur Flucht in Richtung Mörbisch, wo sie von der Bevölkerung mit Speise und Trank – sowie von einer Musikkapelle, die deutsche Märsche spielte – herzlich begrüßt wurden. Es gelang uns mit viel Überredungskunst, die Grenze zu Ungarn den ganzen Tag offen zu halten. Zahlreiche Menschen fanden so den Weg in die Freiheit. Der historische Durchbruch gelang: Wenig später öffnete Ungarn seine Schlagbäume. Die Sowjet-Diktatur brach zusammen. Das Tor von Mörbisch war wie ein kleines Loch im Reifen des großen roten Lastwagens. Die Luft entwich und das riesige Fahrzeug kam bald danach zum Stillstand. Europa war befreit.

Johannes Paul II. sieht in der Grenzöffnung und in der EU-Erweiterung – die nicht zuletzt sein Werk sind – eine „Europäisierung des ganzen Kontinents“. Die jetzt entstehende „neue Ordnung muß die Werte anerkennen und schützen, die den wertvollsten Besitz des europäischen Humanismus darstellen“. Der Papst hebt die Würde der Person und den heiligen Charakter des menschlichen Lebens hervor. Und er bekennt sich zur „Freiheit des Gedankens, des Wortes, der Wahl der Arbeit, der eigenen Überzeugungen und der eigenen Religion“.

Die Wirtschaft ist der Körper, die Religion aber die Seele Europas. Unsere Leitkultur der Freiheit hat christliche Wurzeln: Die Menschenrechte beruhen ursprünglich auf der Überzeugung, daß jeder Mensch als Ebenbild Gottes unantastbare Würde und Freiheit besitzt. Keine andere Kultur der Erde nimmt die Rechte der Person so ernst wie unsere. Das Personalitätsprinzip der christlichen Soziallehre ist die Wiege der Menschenrechte.

Verantwortung vor Gott bedeutet Eintreten für das Leben, den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Verständigung und Versöhnung sichern den Völkern eine Zukunft des Miteinanders. Die Verantwortung vor Gott ist die stärkste Bremse gegen zerstörerische Instinkte – und ein Schutzwall gegen Machtrausch. Die Europäische Verfassung sollte darauf Bezug nehmen. Dafür haben sich zahlreiche Christen in der EU eingesetzt. Immer noch besteht die Möglichkeit, im Zuge des Ratifizierungsverfahrens mit begleitenden Deklarationen oder mit einer Präambel auf die historischen Grundlagen und die ethische Basis des Abendlandes hinzuweisen: Das Herz Europas schlägt im Takt des Christentums.


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