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Vorträge: Gesellschaft

Schlesien im Europa der Zukunft
Rudi Pawelka, Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien


Seit 50 Jahren versammeln sich die Schlesier auf ihren großen Deutschlandtreffen in der Bundesrepublik Deutschland. Sie legen hiermit, wie auch bei vielen Treffen der Kreisheimatgemeinschaften, das Bekenntnis ihrer Zusammengehörigkeit und zu ihren Anliegen ab. Seit der Wende im ehemaligen Ostblock können wir auch Landsleute aus den neuen Bundesländern und aus der Heimat begrüßen. Die Schlesier leisten damit einen wichtigen Beitrag für die innere Einheit der Menschen aus West- und Mitteldeutschland. Den Schlesiern in der Heimat sind wir Anwalt und Weggefährte bei ihrer Behauptung als Volksgruppe in Schlesien.

Dass wir nach über 50 Jahren der Vertreibung als große Landsmannschaft Bestand haben, ist eine beachtenswerte Leistung unserer ehrenamtlich tätigen Funktionsträger, an deren erster Stelle ich unseren langjährigen Vorsitzenden und meinen Vorgänger, unseren Ehrenvorsitzenden Dr. Hupka, nennen möchte. Unser Erfolg begründet sich aber vor allem in der Treue unserer Mitglieder zu Schlesien und den Zielen, die wir vertreten. Unsere Mitglieder wissen sehr genau, dass die Anliegen der Vertriebenen keineswegs mit Abschluss des 2 + 4 Vertrages beendet sind. Sie sind weder beendet noch gelöst, weil alle Verträge bisher an den Menschen vorbeigegangen sind, denn noch keine Abmachung hat auch nur im Ansatz die Rechte der Vertriebenen berücksichtigt. Selbst die Rechte der deutschen Volksgruppe sind in wesentlichen Punkten offen geblieben.

Wiederholt wird uns von Vertretern der Bundesregierung entgegengehalten, man solle die Gegenwart nicht mit Problemen der Vergangenheit belasten. Oder, wie von Außenminister Fischer favorisiert, "Schweigen ist Gold". Hiermit meinte er die Taktik, die Interessen von Deutschen zu vertreten. Welche Länder in gleicher Weise verfahren, ließ er allerdings offen. Ein EU-Land kann es wohl nicht sein, Polen oder die Tschechische Republik ganz bestimmt nicht.

Wäre die Formel "die Gegenwart nicht mit Problemen der Vergangenheit belasten" glaubhaft, so gäbe es kein ständiges Erinnern an die Zeit, die Deutschland so stark beschäftigt, also auch kein Holocaustdenkmal, keine Zwangsarbeiterentschädigung und keine quälende Vergangenheitsbewältigung im Fernsehen. Hier gibt es merkwürdigerweise keine Schlussstrichpolitik.

Wir wollen uns ja auch nicht mit allen Problemen der Vergangenheit befassen - dann könnten wir z. B. fragen, wie denn der Überfall durch polnische Truppen in Stärke von 50.000 Mann auf das von deutscher Wehrmacht entmilitarisierte deutsche Oberschlesien am 3./4. Mai 1921 und die damit verbundenen Verbrechen an der deutschen Bevölkerung zu bewerten sind. Nein, wir wollen nur die Probleme aufgreifen, die heute für die Menschen besonders wichtig sind. Darin unterscheiden wir uns fundamental von den rückwärtsgewandten Vergangenheitsbewältigern wie wir sie alle aus den Medien und Schulbüchern, aber auch aus der Politik kennen. Wir wenden uns gegen die ungleiche Behandlung von Menschen und versuchen, auf einer Basis der Verständigung die Zukunft mitzugestalten. Das ist eben der Gegensatz zu den Eiferern, denen es mehr oder weniger nur darum geht, deutsche Schuld zu kultivieren, sie für immer zu erhalten. Wenn der französische Außenminister Vidrine vor einigen Monaten feststellte: "Die Deutschen stellen sich Fragen, die ihnen gar keiner stellt", so kann man sich vorstellen, was das Ausland über die Psyche der Deutschen denkt. Das klingt wie Zuspruch an jemanden, der mit sich nicht im Reinen ist, der Hilfe braucht. Die Empfindungen eines Ausländers über deutsche Vergangenheitsbewältigung brachte unlängst der holländische Dirigent André Rieu auf den Punkt, indem er nach seinem Auftritt zur Einheitsfeier am Brandenburger Tor über die dort auf einem riesigen Gelände geplante Holocaust-Gedenkstätte äußerte: "Damit bekommt ein junger Deutscher auf die Stirn geschrieben: Dein Großvater war schlecht, Dein Vater war schlecht, Du bist schlecht!". Gesprochen in einem Fernsehinterview im Beisein von Bundestagspräsident Thierse.

Ich nenne diese Beispiele, weil das Problem, das damit erhellt wird, der Dreh- und Angelpunkt ist für die Behandlung der von den Vertriebenen vertretenen Anliegen, denn der Hinweis auf deutsche Schuld ist meist Grund dafür, sich nicht damit zu befassen.

Wenn es z. B. so wäre, dass ein so gewaltiges Monument wie die Holocaust-Gedenkstätte nur dem Gedenken an die Opfer und auch der Vorbeugung von Völkermord dienen soll, Rieu also Unrecht hätte, so ist nicht zu verstehen, warum ein Zentrum gegen Vertreibungen von der Bundesregierung bisher nicht gewünscht wird!

Die Notwendigkeit einer Aufarbeitung der Vertreibung hat auch Bundeskanzler Schröder in seiner Rede am 3. September 2000 in Berlin hervorgehoben. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte hat in der bekannten Grußbotschaft an die deutschen Vertriebenen 1995 auf den Zusammenhang zwischen mangelndem Nachdenken über die Vertreibung der Deutschen und den heutigen ethischen Säuberungen hingewiesen. Wieso nehmen wir also die uns als Opfer eines der größten Völkerrechtsverbrechens auferlegte Pflicht, durch Aufklärung über dieses Geschehen zu einer Ächtung von Vertreibungen beizutragen und ihre Wiederholung zu vermeiden, nicht wahr ? Es darf bei Opfern, es darf bei Toten keine Unterschiede geben - im Tode sind alle Menschen gleich.

Noch immer bestehen auch in Polen die Vertreibungsdekrete der Nachkriegszeit. Sie sind die Grundlage dafür, dass Deutsche rechtlos wurden. Sie wirken bis heute fort, nicht nur gegenüber den Vertriebenen, sondern auch gegenüber den in der Heimat verbliebenen Deutschen. Wenn ein heute polnischer Staatsbürger seinen von Kommunisten enteigneten Besitz zurückerhalten möchte, so wird eben unterschieden, welcher Abstammung er ist. Gehört er der deutschen Volksgruppe an, erfolgt die Rückgabeverweigerung unter Hinweis auf die für Personen deutscher Volkszugehörigkeit nach wie vor geltenden Dekrete vom 8.3.1946 und 13.11.1945. Entsprechende Bescheide weisen außerdem darauf hin, dass es keine Rechtsgrundlage gibt, die eine Rückgabe erlaubt.

Es ist also nicht richtig, wenn von Seiten der Bundesregierung behauptet wird, Nachkriegsdekrete entfalten heute keine Wirkung mehr und ihre Wirksamkeit sei erloschen.

In den Kopenhagener Kriterien heißt es, dass neue Mitgliedstaaten in der EU eine Garantie für rechtsstaatliche Ordnung und für die Wahrung der Menschenrechte und für den Schutz von Minderheiten bieten müssen.

Wer Menschen weniger Rechte zugesteht, nur weil sie anderer Abstammung oder anderer Staatsangehörigkeit sind, verstößt gegen das Diskriminierungsverbot der Europäischen Menschenrechtskonvention, er ist nicht europareif und hat erst sein Haus in Ordnung zu bringen, ehe er aufgenommen wird. Die Vertriebenenverbände haben sich immer auch als Verband für Menschenrechte gesehen. Wir werden deshalb niemals dazu schweigen, wenn menschenrechtsverachtende Gesetze fortbestehen und auch Eingang in die EU finden sollen.

Die EU-Staaten haben unlängst, entgegen Gemeinschaftsrecht, Maßnahmen gegen das kleine Österreich getroffen, weil eine missliebige Regierung durch das österreichische Volk in das Amt gewählt wurde, der man unterstellte, sie sei eine Gefahr für die Demokratie und Menschenrechte. Die damit verbundene Bauchlandung und die damit einhergehende Blamage sind bekannt. Bei einer Aufnahme Polens und der Tschechischen Republik in die EU, ohne vorherige Aufhebung der Vertreibungsdekrete, und danach sieht es leider aus, würde die Gemeinschaft wiederum eine doppelte Moral offenbaren. Hiermit werden wir uns niemals abfinden.

Polen sei angeraten, die eigene Rechtsordnung selbst in Ordnung zu bringen. Es mögen neue Generationen herangewachsen sein, solange diese ihre Politik aber auf den alten Dekreten begründen, sie als Pyramiden ihrer Rechtsordnung sehen, hat sich an dem Verhältnis zur Vertreibung nichts geändert, das Land bleibt ein Vertreiberstaat.

Wir bieten ein faires Gespräch zu einvernehmlichen Lösungen an, die niemanden überfordern, die aber auch immer eine Heilung des alten Unrechts zum Ziele haben.

Staaten wie Estland, Ungarn, Rumänien und Slowenien haben gezeigt, dass dies möglich sein kann. Wir fordern: Weg mit den für einen zivilisierten Staat unwürdigen und Menschen rassisch diskriminierenden Bestimmungen in Polen.

Eines der ungelösten Themen ist auch das Problem der deutschen Zwangsarbeiter.

Wer weiß denn, dass unsere Landsleute in der Heimat, im Unterschied zu ihren polnischen Nachbarn, die unter Polen oder unter Russen geleistete Zwangsarbeit, ebenso wie Zeiten der Kriegsgefangenschaft, nicht in der Rente angerechnet bekommen ? Wem ist bewusst, dass durch die Einrichtung des Entschädigungsfonds und die Zahlungen an ausländische Zwangsarbeiter diese Gerechtigkeitslücke weiter vertieft wird und die Deutschen in die Verbitterung treibt ?

Wer weiß Bescheid über das Schicksal der deutschen zur Sklavenarbeit deportierten Frauen und auch Kinder in Arbeitslager und ihre skandalöse Behandlung, wenn sie in die ehemalige DDR entlassen wurden ? Über ihre Benachteiligung heute bei der Rente und Versorgung ? Wer weiß auch Bescheid über Nachteile Kriegsgefangener und Zivilinternierter in den alten Bundesländern heute ?

Wir standen einer Zwangsarbeiterentschädigung an Ausländer nicht ablehnend gegenüber, obgleich uns Vertriebene, aber auch viele andere Deutsche verletzt hat, dass über deutsche Opfer überhaupt nicht geredet wurde. Man hatte geradezu den Eindruck, man wäre in einem anderen Land. Wenn man dann noch hört, dass Hinweise auf deutsche Zwangsarbeiter von Abgeordneten der CDU/CSU wütende Zwischenrufe im Bundestag hervorriefen, fragt man sich, wie diese Mitglieder des Bundestages ihren Auftrag aus dem Grundgesetz verstehen.

Mit ihrem Kopfschütteln über die quälende jahrelange Debatte standen die Vertriebenen übrigens nicht allein. Es gibt ein großes Unbehagen bei vielen Deutschen, das allerdings nicht auf die Politik durchschlug. Ein verständliches Unbehagen, weil auch viele sich daran erinnerten, wie nicht wenige Zwangsarbeiter sich nach dem Kriege in Deutschland verhalten haben. Der ehemalige Bischof von Münster, Kardinal von Galen, ein mutiger Kämpfer gegen die Nationalsozialisten, wandte sich vehement gegen raubende und mordende ehemalige Zwangsarbeiterbanden und forderte von den Alliierten, diesem, die Bevölkerung sehr beunruhigenden Tun, ein Ende zu bereiten. Man kann heute zwischen Guten und Bösen nicht mehr unterscheiden, jedoch auch hier muß das Leid der Bevölkerung wenigstens noch erwähnt und das Unbehagen kundgetan werden dürfen. Im Fall der Vertreiberstaaten Polen, Russland und der Tschechei fragen sich viele aber auch, warum nach vielen Zahlungen und der Inbesitznahme großer deutscher Gebiete mit allen beweglichen und unbeweglichen Gütern diese Länder ihre Zwangsarbeiter nicht hieraus entschädigen konnten ?

Auf jeden Fall war es ungehörig, die moralische Keule gegen Deutschland zu schwingen, wohlwissend, dass sie selbst an die von ihnen misshandelten deutschen Zwangsarbeiter überhaupt nicht denken.

Wir fordern die Bundesregierung auf, ihrer Obhutspflicht gegenüber diesen Menschen gerecht zu werden. Eine volle Berücksichtigung von Zwangsarbeit in der Rente und eine Entschädigung müssen für Deutsche ebenso möglich sein, wie bei Ausländern. Wenn die verantwortlichen Staaten nicht dazu zu bringen sind, der Versuch müsste allerdings erst einmal gemacht werden, dann muß Deutschland auch dieses Problem als Kriegsfolgenschicksal behandeln und lösen.

Es war für mich allerdings schockierend, welche Aussagen es hierzu gibt. So antwortete das Innenministerium laut einer Report-Sendung der ARD zu dem Problem zivilintensierter Frauen an den Petitionsausschuß: "Es ist nicht möglich, Schicksalsschläge in jedem Einzelfall gerecht auszugleichen". Und aus dem Justizministerium verlautete hierzu: "Wegen des nicht abschätzbaren Umfangs der individuellen Ansprüche kann daher dem Gedanken einer Gleichbehandlung mit den Opfern der SED-Diktatur nicht nähergetreten werden".

Eine besonders bemerkenswerte Stellungnahme kam auch vom Parlamentarischen Staatssekretär Diller aus dem Finanzministerium: "So tragisch, schmerzhaft und groß das Leid der Betroffenen und war und ist, es hatte seine Wurzeln im vorausgegangenen NS-Unrecht. Daher beabsichtigt die Bundesrepublik nicht, entsprechende Initiativen gegenüber dritten Staaten zu ergreifen". So gesprochen unlängst vor dem Deutschen Bundestag.

Die Betroffenen haben also Pech gehabt, irgendjemand muß ja für das NS-Unrecht büßen. Bedürftigkeit als Maßstab und unverschuldetes Schicksal zählen also nicht. Warum kein solidarisches Einstehen für die vom Schicksal besonders Betroffenen ? Wieso keine gesetzliche Regelung wie in Österreich ? Die Gleichbehandlung Deutscher mit Ausländern wäre im übrigen ein gutes Programm gegen den aufkeimenden Rechtsradikalismus. Nicht Aussteiger- oder Erziehungsprogramme sind entscheidend, sondern die Beseitung von Missständen.

Und ich füge hinzu: Wenn man unseren Kindern und Jugendlichen auch noch ein richtiges Geschichtsfeld vermitteln würde, täte man einen weiteren Schritt. Es ist jedenfalls heute so, dass das Wissen über die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen aus ihrer Heimat und die Annexion gewaltiger deutscher Gebiete, also ein Geschehen von herausragender Bedeutung für ein Volk, kaum noch vorhanden ist. Was soll ein junger Mensch sagen, wenn er später einmal merkt, dass ihm wichtige Fakten aus der Geschichte vorenthalten wurden ? Er wird sich fragen: Warum ist das geschehen ? Was steckt dahinter ?

Professor Karl Heinz Bohrer, Universität Heidelberg, sprach kürzlich von dem einzigartigen Sonderfall der Deutschen, sich einer moralisierenden Bearbeitung der Zeitgeschichte zu widmen, wobei die Deutschen das kürzeste historische aber das breiteste zeitgeschichtliche Gedächtnis in Europa haben. Mit anderen Worten: Es kreist alles um den Nationalsozialismus und deutsche Schuld. Er nannte dies auch Moralschmelze.

Nehmen wir es nicht hin, dass deutsche Geschichte verkürzt wird auf wenige Jahre. Alle Epochen, alle wichtigen Geschehnisse müssen in den Geschichtsbüchern angemessen Berücksichtigung finden.

Es ist in diesem Zusammenhang auch ein weitverbreitetes Übel, dass grobe Vereinfacher die Vertreibung der Deutschen als Kriegsfolge hinstellen, als ob die Vertreibung als Modell für Regelungen nach einem Kriegsende irgendwo festgeschrieben wäre. Das Gegenteil ist der Fall, Vertreibungen sind Völkerrechtsverbrechen. Vertreibung durch Hitlerdeutschland war ein Anklagepunkt im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. Die ganze Doppelmoral zeigt sich darin, dass zur gleichen Zeit die Sowjetunion und ihre Helfer mit wohlwollender Assistenz der westlichen Siegermächte ein solches Verbrechen mit ungleich größeren Auswirkungen selbst durchführten.

Wer NS-Verbrechen ständig mit der Vertreibung aufrechnet, sie gar als verständliche Reaktion hinstellt, beschädigt die Würde der Opfer. Stalin hat viele Völker vertrieben oder große Landstriche im Osten annektiert. Ich nenne den Überfall auf Finnland 1940 mit anschließender Annexion und Vertreibung, die baltischen Staaten, Polen, Bessarabien, die Krimtataren, die Mescheten, stellvertretend für andere. Was über diese Völker hereingebrochen ist - alles Kriegsfolgen ?

Exbundespräsident Roman Herzog hat Recht, wenn er 1996 am Tag der Heimat in Berlin feststellte, die Vertreibung der Deutschen sei keine Strafe sondern Rache gewesen. Vor allem aber, so Herzog weiter, war sie ein Instrument der sowjetischen Expansionspolitik die Völker und Staaten auf der Landkarte hin- und herschob, um in der Mitte Europas die Herrschaft des Sowjetsystems zu etablieren.

Von diesen geschichtlichen Zusammenhängen erfährt der Deutsche allerdings wenig. Bei uns ist meist Geschichtsklitterung angesagt. Danach marschierte die deutsche Wehrmacht in eine friedliche Sowjetunion ein, so wiederholt auch in Filmen des Fernsehens dargestellt. Kein Wort von den bereits begangenen und den schon angekündigten weiteren Expansionen.

"Die Vertriebenen, Hitlers letzte Opfer" so lautete der Titel eines Dreiteilers in der ARD. Wieso diese Ablenkung von den wahren Tätern ? Scheut man sich, dem Verbrecher Hitler den Verbrecher Stalin, der diesem in nichts nachstand, gegenüberzustellen ? Es könnte ja auch die Frage gestellt werden, warum von den Westmächten nur dem einen der Krieg erklärt wurde, der andere aber zum Verbündeten wurde.

Die Deutschen trauen sich nicht, ihre eigenen Toten zu betrauern, so Prof. Arnulf Baring am 3.9.2000 in Berlin. Man müsste hinzufügen, es sind Millionen Tote, die erst nach Kriegsende ihr Leben durch Gewalt verloren haben. Ich erinnere dabei an die Vertreibungstoten, die Toten durch Kriegsgefangenschaft oder Zwangsarbeit, die Toten in der sowjetischen Besatzungszone durch den Terror des NKWD oder der DDR-Machthaber. Das platte und verkürzende Wort, der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung gewesen, beleidigt die Toten und alle anderen Menschen, denen erst danach großes Unrecht zugefügt wurde. Ich nenne hier auch die überlebenden Vertriebenen und die in neue Unfreiheit überführten Landsleute in Mitteldeutschland. Dies kann man bei aller Freude über die Beseitigung einer Diktatur nicht außen vor lassen. Wer nur von einer Kriegsfolge oder von einer Befreiung spricht und dazu immer nur von Unrecht durch Deutsche ausgeht, der fühlt sich häufig schwer getroffen, wenn an deutsche Opfer erinnert wird. Dann kommen gleich die Vorwürfe, man wolle NS-Unrecht relativieren oder NS-Opfer beleidigen. Oft ist sogar von Revanchismus die Rede. Als am 3. Mai in der Münchener Universität eine Ausstellung über die Vertreibung der Sudetendeutschen eröffnet wurde, da kamen genau diese Töne von dem Asta der Universität, aber sogar, und das macht die Sache zum Skandal, auch von dem Leiter der Einrichtung, ihrem Rektor Andreas Heldrich. Ihm ist laut Münchner AZ der Kommentar, es handele sich um eine unerträgliche Relativierung des NS-Völkermordes, zuzuschreiben.

Es werden Dinge miteinander in Verbindung gebracht, Analogien hergestellt und Absichten unterstellt, die schlicht jeglicher Logik entbehren bzw. überhaupt keine Grundlage haben. Wenn Studenten über das Ziel hinausschießen, ist man geneigt, dies zu verzeihen. Von einem Rektor einer Hochschule sollte man Beherrschung und logisches Denken erwarten können (kabarettreif), wie von Politikern und Journalisten auch. Man fühlt an die Worte des Schriftstellers Martin Walser erinnert, dass es in Deutschland beliebt ist, sich heute als guter Deutscher zu gebärden, indem man auf alles draufschlägt, was in irgendeiner Form Nazi-Unrecht relativieren könnte.

Es muß möglich sein, der eigenen Opfer zu gedenken, ohne dafür in Misskredit gebracht zu werden.

Der amerikanische Präsident George W. Bush hat während seines Wahlkampfes die Vertreibung der Deutschen als schlimmste ethnische Säuberung in der ganzen Weltgeschichte und einer der schwersten Fälle kultureller Ausrottung bezeichnet.

Wir haben für diese klaren Aussagen zu danken. Die Erkenntnis aber, von einer kulturellen Ausrottung betroffen zu sein, muß alle Deutschen verpflichten, hiergegen etwas zu unternehmen.

Herr Innenminister Schily, so sehr wir von Ihnen gesprochene Worte, aber auch Ihre Amtsführung im Bereich der Ihnen verbliebenen Aufgaben im Vertriebenenbereich anerkennen, was ein Kulturbeauftragter der Bundesregierung, der ehemalige Staatsminister Naumann, im Bereich der Vertriebenenkultur angerichtet hat, kann man getrost die Fortsetzung der kulturellen Ausrottung nennen. Unter dem Deckmantel, man wolle professionalisieren, wurde die Förderung der im Kulturbereich tätigen, teils sehr hochqualifizierten , Ehrenamtler eingestellt - und das im Jahr des Ehrenamtes. Damit einher geht der Entzug der Zuwendungen für alle Stiftungen, die nicht unter staatlicher Aufsicht stehen. Den stark gekürzten Mitteln für den Bereich der kulturellen Breitenarbeit, von denen im übrigen überwiegend nur genehme Einrichtungen profitieren, werden außerdem Gelder entzogen und auf andere Titel übertragen oder auch zweckentfremdet, entgegen den Vorgaben des Haushaltsgesetzes, verwendet. Verstehen Sie, was eine Ausstellung über die bedauernswerten Opfer von Lidice mit der Kulturarbeit für deutsche Vertriebene zu tun hat und warum hierfür 84.600,00 DM aus dem knappen Etat abgezweigt werden müssen ?

In den neuen Richtlinien ist eine Förderung der Kultur der Vertreibungsgebiete in Schlesien, Pommern oder Ostpreußen nicht mehr vorgesehen. Man will also nicht, dass bei den Deutschen in der Heimat alte Kulturtraditionen wieder aufleben. Kulturtraditionen, nach denen inzwischen auch die Polen fragen und die sich immer mehr zu einem verbindenden Element entwickeln.

Es bleibt zu hoffen, dass der neue Kulturbeauftragte Nida-Rümelin das Gleis einer feindseligen Haltung uns gegenüber verlässt und die geschichtliche Verpflichtung für die deutsche Nation als Direktive seines Handelns sieht.

Nicht ohne Sorge beobachten wir den Gang der deutschen Volksgruppe in der Heimat. Gewiß hat sich in den letzten 11 Jahren gegenüber dem Nullzustand vieles zum Positiven verändert. Es bleibt aber noch eine Menge zu tun, um den Standard zu erreichen, der einer europäischen Norm für eine Minderheit entspricht. Die Zweisprachigkeit im Verkehr mit Gerichten und Behörden, zweisprachige Ortsschilder in Gebieten mit einer Minderheit stehen obenan. Zu beklagen ist aber insbesondere die viel zu geringe Förderung der deutschen Sprache in den Schulen durch den polnischen Staat.

Wir sind Gott sei Dank darüber weg, dass linke Journalisten in Deutschland verzerrende und diffamierende Beiträge in unseren Medien über die deutsche Volksgruppe vermitteln. "Ihr seid doch jetzt Polen, warum wollt Ihr wieder das Deutsche hervorholen ? Wollt Ihr denn gar keine Ruhe geben und wieder Spannungen erzeugen ?" So fragten dieselben Leute, die selbstverständlich jedem hier zugereisten Ausländer das Recht auf seine eigene kulturelle Identität zugestehen.

Wir scheinen diese Entgleisungen hinter uns zu haben. Jedoch ließen die Beiträge einiger Abgeordneter der Koalition, aber auch der FDP, von der PDS ganz zu schweigen, zu einem Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion über Forderungen zu dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag im Mai erkennen, dass Verständnis und Engagement für diese Deutschen noch nicht stimmen.

Die Landsmannschaft Schlesien sieht sich in der Pflicht. Sie wird immer Weggefährte ihrer Landsleute in der Heimat sein.

Die Vertriebenen und die Landsmannschaft Schlesien sind nicht nur Fordernde, sie sind auch Brückenbauer. Bereits seit Jahrzehnten finden Begegnungen in der Heimat statt. Zu Hundertausenden besuchen Vertriebene ihre Heimatorte, vielfach begleitet von Nachgeborenen. Es waren meist erfolgreiche Zusammentreffen mit Polen. Es gab Verständnis füreinander, aber auch Engagement und Unterstützung für den Erhalt von Kirchen, Kulturdenkmälern und anderes mehr. Offizielle Kontakte mit Staatsoberhäuptern, den Woiwodschaften, mit Universitäten und Stiftungen gehören inzwischen zum Alltag. Selbst Gespräche mit Fraktionen des polnischen Sejm werden von den Spitzenvertretern der Landsmannschaften geführt. Wir sind an einem guten Klima interessiert, weil wir nicht wollen, dass es je zu Verhältnissen wie Bosnien oder im Kosovo kommt. In einer Atmosphäre des Misstrauens lässt sich auch für die Menschen nichts erreichen.

Wir sind die einzige größere Gruppe in Deutschland, die überhaupt nach Osten schaut, die der Osten interessiert. Ich sage den Polen immer wieder, nutzt dies, kommt den Deutschen aber auch entgegen, lassen wir die ungelösten Probleme gemeinsam anpacken, damit sie der Zukunft nicht mehr im Wege stehen. Den Nutzen werdet auch Ihr davon haben, durch Engagement der Deutschen und Zusammenarbeit beim Aufbau des Landes. Das Reden darüber ist inzwischen mit Polen leichter möglich, als mit in alten Frontstellungen eingegegrabenen Politikern in Deutschland. Mit großem Interesse nehmen wir schon heute zur Kenntnis, dass in Polen der Prozess der Aufarbeitung der Geschichte nach dem 2. Weltkrieg vor einigen Jahren eingeleitet wurde. Erforschung der Vertreibung, einschließlich die Herausgabe entsprechender Literatur, sind ein sichtbarer Ausdruck hierfür. Für die Vertriebenen bestand fast 50 Jahre die unerträgliche Situation, dass ihr grausames Schicksal in Polen übergangen, ja geleugnet wurde. Dass nun endlich anerkannt wird, welche Verbrechen an ihnen begangen wurden, heilt manche Wunde und bringt einen Teil der verletzten Würde zurück. Die Verfolgung erster Lagerleiter, die Verantwortung für den Tod tausender Deutscher, darunter Frauen und Kinder, tragen, ist ein gutes Zeichen. Die Ausgestaltung des Lagers Lamsdorf in Oberschlesien in eine würdige Gedenkstätte, auch wenn es inzwischen Störungen von polnischer Seite wegen der Namensliste für eine Gedenkplatte gab, hatten wir noch vor kurzem für kaum möglich gehalten. Wir beklagen allerdings, dass die Auslieferung des vor kurzem nach Israel geflüchteten ehemaligen Lagerleiters von Swientochlowitz, Samuel Morel, nach Polen von den Israelis verweigert wird, weil die ihm angelasteten Morde nach dortiger Auffassung verjährt sind.

Die intensive Beschäftigung mit der jüngsten Geschichte ist in Polen zwar noch längst nicht von einer breiten Mehrheit getragen, sie ist überwiegend nur ein Thema bei einer Anzahl von Intellektuellen. Wir sind aber zuversichtlich, dass dieser Prozess weitergeht, wobei wir nicht jene alles überlagernde und ausufernde Diskussion wie in Deutschland erwarten.

Wir erwarten aber, dass Impulse auch von moralischen Instanzen wie der katholischen Kirche in Polen ausgehen. Das Wort der polnischen Bischöfe von 1965 "Wir gewähren Vergebung und wir bitten um Vergebung" oder aber nur ein Bedauern sind zu wenig. Eine Entschuldigung muß schon her. Es kann auch nicht sein, dass die Hirtenbriefe, die im Zusammenhang mit der Vertreibung stehen, bis heute nicht zurückgenommen wurden. Eklatantere Verstösse gegen das Evangelium sind von einer Kirchenführung kaum vorstellbar. Äußerungen führender Kirchenvertreter Polens, die daran anknüpfen, gibt es bis auf den heutigen Tag. "Die Ausdehnung der Westgrenze Polens zur Oder-Neiße-Linie ist eine Erfüllung historischer Gerechtigkeit und mit der Rückkehr Polens in diese Gebiete ist auch die Kirche zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt", so Erzbischof Przykucki, Stettin, am 18.06.1995. Sie sind ebenso keine Verkündung des Evangeliums, sondern Zeugnis eines extremen Nationalismus´. Leider reiht sich in diesen polnischen Nationalismus auch der Vatikan ein mit einer Aussage von Kurienkardinal Gagnon im Mai 1997 zum Eucharistischen Weltkongress in Breslau: "Der Kongress findet in Breslau statt, in einer Stadt, die sich doppelter Befreiung erfreut. Der vom Kommunismus, aber auch der Tatsache, dass sie, nachdem sie über Jahrhunderte und fremder Herrschaft stand, nun die Freiheit wiedergefunden hat." Die Geisteshaltung, die hinter solchen Botschaften steckt, will ich lieber nicht kommentieren. Es sind jedenfalls nicht Botschaften der Wahrheit oder der Versöhnung.

Mit der bevorstehenden EU-Osterweiterung stehen wir vor einer wichtigen geschichtlichen Entscheidung. Ich rufe alle deutschen Politiker, aber auch Polen und die Europäische Union auf, Lösungen für die aufgezeigten Probleme zu finden, und zwar vor einer EU-Erweiterung. Es besteht jetzt die Chance, Belastendes aus dem Weg zu räumen, damit es der Zukunft nicht mehr im Wege steht. Das muß das Ziel sein und nicht das Zukleistern und Verdrängen der gerechten Anliegen von Menschen.

Der große Bürgerrechtler Martin Luther King hat in bewegenden Worten von seinem Traum für Gerechtigkeit , Gleichheit und Menschenrechte gesprochen. Ich glaube, wir alle haben den gleichen Traum: Wir träumen davon, dass die Gleichheit für deutsche Opfer hergestellt wird, dass deutschen Opfern der Vertreibung Gerechtigkeit widerfährt wie anderen Vertreibungsopfern und die Menschenrechtskonventionen und Resolutionen auch für uns gelten. Darum geht es. Das ist unser Kampf heute und in der Zukunft.

Ich grüße Sie mit einem S c h l e s i e n G l ü c k a u f !


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